NOIZZ.de: Shirin David lässt vor zwei Tagen eine Bombe platzen: In einem Song-Snippet auf Instagram spricht sie von einem zweiten Album. Die Vorfreude hält sich aber in Grenzen. Grund ist der fragwürdige Titel des Songs: „90-60-111“.

5,1 Millionen Menschen folgen Shirin David auf Instagram. Für viele ist sie ein Star. Die Sängerin hat es 2019 geschafft, mit ihrem Debüt-Album „Supersize“ direkt auf Platz eins in den Charts zu landen. Ihr erfolgreichster Hit „Gib ihm“ thronte sogar am Weltfrauentag auf der Spitze. Vor zwei Tagen kündigte sie via Instagram nebenbei ein zweites Album an und droppt dabei ein Snippet zu der ersten Single „90-60-111“ – der zwar nice klingt, dessen Titel aber ziemlich fragwürdig ist.

90-60-90 ist ein Schönheitsideal, das den Umfang einer Frau von Brust, Taille und Hüfte misst. Erfolgreichen Modells entsprechen häufig dieser Norm. Shirin David wollte mit ihrem Song „90-60-111“ wohl klar machen, dass dieses Körpermaß längst überholt ist. Frei übersetzt lautet ihre Botschaft: „Etwas mehr an der Hüfte zu haben ist vollkommen okay!“ Damit hätte sie recht. Keine Frau der Welt muss irgendeiner Norm entsprechen. Doch genau das sagt Shirin David nicht. Mit „90-60-111“ setzt sie – vielleicht auch unbewusst – Angaben, die extrem sind: wohlgeformter Busen, sehr dünner Bauch, sehr großer Po. Ein Körperbau, den viele wahrscheinlich nur mithilfe von Schönheitsoperation und täglichem, harten Training erreichen. Und der somit nicht besser ist, als 90-60-90.

Shirin David behauptet, zu 60 % gemacht zu sein

Die selbst ernannte „Real-Life-Cinderella“ gesteht in diversen YouTube-Videos immer wieder, sich unter das Messer gelegt zu haben. „Viel gemacht, doch bin trotzdem echter als acht von zehn in der Szene“, singt sie in „Orbit“. Einen Tweet, den sie auch auf Instagram veröffentlichte, kommentiert sie mit: „60 % Doc – 40 % Gym“ und meint damit wohl, dass über die Hälfte ihres Körpers gemacht ist. Ob das stimmt und ihr Körperbau den Maßen 90-60-111 entspricht, bleibt offen. Bei 5,1 Millionen (überwiegend jungen) Followern ist aber bestimmt einer oder eine dabei, der sich die Maße als Ziel setzt und so aussehen will, wie Shirin.

Extreme Ziele, wie die Körpermaße 90-60-111, sind schwer zu erreichen. Das führt auf Dauer zu Unzufriedenheit mit sich selbst. Laut einer repräsentativen Studie leiden drei bis fünf Prozent der Deutschen an einer Essstörung. An ihr erkranken meist junge Menschen, vorwiegend im späten Jugendalter. Überträgt man diese Statistik auf die 5,1 Millionen Follower von Shirin David, sind das 255 Personen.

„Normal“ sollte sein, sich in seinem Körper wohlzufühlen

Es gibt kein richtiges Körpermaß. Niemand sollte sich nach irgendeiner Norm richten, oder das Gefühl haben, vermeintlichen Idealmaßen gerecht zu werden. Wer sich operieren möchte, weil er sich unwohl fühlt, hat jedes Recht dazu. „Normal“ sollte sein, sich in seinem Körper wohlzufühlen. Trotzdem sollten Frauen wie Shirin David, die durch ihre öffentliche Präsenz eine Vorbildfunktion haben, vorsichtig sein, was sie sagen. Ob es okay ist, Schönheitsoperation und extreme, unnatürliche Körperproportionen zu verherrlichen, sei dahingestellt.

Weiß jemand den perfekten Umfang einer Männerbrust? Wohl nur die wenigsten. Frauen, vor allem im Deutschrap, werden immer wieder auf ihr Äußeres reduziert. Das ist Sexismus – und dass Sexismus ein großes, weit verbreitetes Problem ist, muss hoffentlich nicht mehr erklärt werden. Shirin David hatte mit ihrem Erfolg gezeigt, dass Frauen mehr können, als hübsch in Musikvideos zu tanzen. Sie war trotz diverser Schlagzeilen, wie Blackfacing-Vorwürfen oder dem Feature mit Xavier Naidoo, für viele ein Vorbild. Sie hat mit ihrem Talent, mit ihrer Musik, überzeugt. Jetzt stehen ihre Körpermaße im Vordergrund, leider. Schuld daran hat sie selbst.

Shirin David wollte mit dem Songtitel wahrscheinlich genau das Gegenteil aussagen. Doch sie hat ihr Ziel verfehlt. Dabei klingt der Beat von „90-60-111“ ziemlich nice und die Vorfreude auf neue Musik der Erfolgsfrau wäre riesig gewesen. Vielleicht folgt noch ein Statement von Shirin – oder sie erklärt in dem restlichen Songtext von „90-60-111“, dass kein Mensch irgendwelchen Idealen entsprechen muss. Bis dahin verliert sie endgültig ihre Vorbildfunktion – der sie sich eigentlich bewusst sein sollte.

Wann der Song und das Album erscheinen wird, steht noch nicht fest.

Foto: Shirin David / Instagram (https://www.instagram.com/p/B-5BqKXKgSQ/)

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