NOIZZ: Er hat als erster deutscher Rapper einen Disstrack gegen die AfD und ihre Co-Vorsitzende Alice Weidel veröffentlicht: Gerrit Falius, wie Disarstar mit bürgerlichem Namen heißt, zeigt in seinem Video „Alice im Wunderland“ mit erhobenem Zeigefinger auf eine Frau mit blondem Bob und Hornbrille. „Lauf nicht mehr weg. Hör mal zu und stell dich der Diskussion, Alice!“, sagt er.

Der Rapper aus Hamburg, der bei Warner gesignt ist, ist für seine gefühlvollen und gesellschaftlichen Tracks bekannt. So auch für „100 Jahre“ oder „Tor zur Welt“. Der Song „Alice im Wunderland“ ist die erste Single seines neuen Albums „Bohemien“, das 2019 erscheint.Der 24-Jährige hat uns im NOIZZ-Interview erzählt, warum Deutschland ein Wunderland und Helene Fischer eine ausgefuchste Geschäftsfrau ist.

NOIZZ: Du bist endlich jemand, der sich mit seinem Song „Alice im Wunderland“ als Artist in der Deutschrap-Szene konkret gegen rechts positioniert. Warum erst jetzt?

Disarstar: Ich habe eineinhalb Jahre wenig Musik gemacht und mir für das neue Album „Bohemien“ viel Zeit genommen. Ich habe schon häufig meine Meinung geäußert – aber nie so konkret.

Die AfD ist mittlerweile regierungsrelevant. Deswegen war es mir wichtig, jetzt noch einmal deutlich ein Statement abzugeben. Ich bin einfach der Meinung, dass es notwendig ist, jetzt mit einem guten Beispiel voranzugehen.

Bei „Wir sind mehr“ in Chemnitz haben deutsche Künstler ein Konzert gegen rechts gegeben. Reicht das als gutes Beispiel nicht aus?

Nein, noch lange nicht. Es ist erst genug getan, wenn das rechte Spektrum besiegt ist – also erst, wenn Rechte politisch irrelevant sind und Menschen sich nicht mehr trauen, ihre rassistische Meinung zu äußern.

Bei Chemnitz sind KIZ, Casper und Trettmann aufgetreten. Von diesen Rappern hat man schon häufiger politische Statements mitbekommen. Von wem hättest du dir sonst noch einen Auftritt bei Chemnitz gewünscht?

Ich finde es toll, dass so etwas passiert und sich Leute gegen rechts äußern. Aber das hat auch einfach etwas mit gesundem Menschenverstand zu tun. Sich gegen rechts zu äußern, ist wichtig – aber auch selbstverständlich. Wie wenn man sich gegen Krebs positioniert. Das ist keine politische Aussage für mich, wo ich denke: Boah krass. Du hast dich jetzt echt getraut, das öffentlich auszusprechen. Wen ich mir gewünscht hätte? Alle!

Viele haben auf einen Auftritt von Helene Fischer gehofft, weil es gerade als Star mit einer breiten Fan-Masse wichtig ist, sich zu positionieren – auch wenn man dabei Fans verliert…

Helene Fischer ist eine ausgefuchste Geschäftsfrau. Die weiß, dass viele Omis in ihrem Publikum sitzen, die Alice Weidel ganz toll finden. Wahrscheinlich vermeidet sie es deswegen, sich bei so einer Veranstaltung blicken zu lassen.

Gerade wenn man Volksmusik und Schlager macht, kokettiert man mit seiner Rolle. Dann ist es verwerflich, wenn man sich am Ende gar nicht äußert – oder nicht deutlich gegen Rechts.

Du sagst, es ist keine krasse Aussage, wenn man sich gegen rechts positioniert – weil es selbstverständlich ist. Wie sollten sich Künstler denn dann zu Politik äußern?

Ich finde es einfach nicht krass zu sagen: Ich bin gegen Rassismus. Es braucht mehr Kontinuität – ein Konzert alleine reicht dafür nicht aus. Man muss sich immer wieder und häufiger äußern. Und nicht nur bei so einer Großveranstaltung wie Chemnitz.

Der Song heißt „Alice im Wunderland“. Deutschland, ein Wunderland – wie ist das zu verstehen?

Bei dem Song kann man sich denken, um wen es sich handelt. Der Film mit Johnny Depp zeigt es ganz gut: Ein verstrahltes Mädchen, das in eine Fantasiewelt fällt, die nichts mit der Realität zu tun hat. Ich finde da gibt es durchaus Parallelen zwischen der Politikerin und der Fantasie-Alice.

Fantasiewelt? Leider ist das, was gerade passiert, Realität …

Ja ist es. Aber die Beschreibung der Umstände und die vermeidlichen Lösungsansätze von ihr sind an den Haaren herbeigezogen. Deswegen sage ich „Alices Fantasiewelt“.

Hat die AfD bereits auf deinen Song reagiert?

In der Vergangenheit sind die immer auf jede Provokation eingegangen. Das würde ich cool finden, weil ich Lust hätte, mich mit denen zu streiten – einfach, weil ich sie scheiße finde. Die haben aber dazugelernt und sind besser beraten, auf Songs wie meine gar nicht mehr einzugehen.

Was war der finale Auslöser zu „Alice im Wunderland“?

Es gab keinen finalen Auslöser. Mich beschäftigt es. Einer meiner besten Freunde studiert Medizin, ein Perser. Der ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Der wird mittlerweile aber plötzlich auf der Straße auf Englisch angesprochen und schief angeguckt. Ich könnte theoretisch jede Woche so einen Song schreiben.

Foto: YouTube / Disarstar / Warner Music Germany

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