BZ: „Willst du mit mir Drogen nehmen“, fragt Alligatoah und spielt seine gleichnamige, erfolgreichste Single ein. Die Zuhörer beim Freiburger ZMF schmunzeln, sitzen wie Kleinkinder gebannt vor einem Puppentheater. Sie scheinen fast etwas verliebt in den Mann, der vor ihnen den Casper spielt: Lukas Strobel, wie der Rapper mit richtigem Namen heißt, tänzelt mit seinen schlaksigen Beinen um jede Ecke der Bühne. Er trägt Gummistiefel und einen dreckigen Blaumann, seine Haare hat er unter einer Schieber-Mütze versteckt.

Das zweistöckige Bühnenbild: eine nachgestellte Kanalisation. Mit einer Kopflampe kommt Strobel von der Seite reingeschlichen, klettert eine Leiter hoch, raus aus der Kanalisation auf eine Baustelle. Unter ihm klimpert sein Tour-Partner Sebel – Sebastian Niehoff – auf einer Hammond-Orgel. Der Rapper streicht zu den sanften Melodien mit seiner Hand über eine Warnbake, schmachtet sie an und stellt erneut die Frage: „Willst du mit mir Drogen nehmen?“ Dann setzt er dem Baustellen-Objekt einen Warnzylinder auf. Das Publikum lacht und klatscht. Das Schaustück gefällt – aber was hat das noch mit einem HipHop-Konzert zu tun?

Lukas Strobel bezeichnet sich unter seinem Künstlernamen „Alligatoah“ als eine Art „Schauspiel-Rapper“. Schon in seiner Schulzeit verdient der heute 28-Jährige mit Kurzfilmen Preisgelder und produziert noch heute als Mitglied des deutschen HipHop-Labels Trailerpark seine Musikvideos selbst. Dabei schlüpft er in verschiedene Rollen und stellt seine Meinungen über die Welt zugespitzt in Text und Bild dar – teils aggressiv und vulgär, aber mit jeder Menge Satire und Charme. So grenzt sich Strobel von den deutschen Straßen,- und Gangster-Rappern ab: Kunst und Theater statt Krawall und Testosteron-Überschuss.

Auch auf seiner „Akkordarbeit-Überstunden-Tour“ mit dem 38-jährigen Singer-Songwriter Niehoff sucht man klassische HipHop-Elemente vergebens: Keine Moshpits, sondern Zuschauer, die auf ihren Stühlen sitzen. Dazu eine elektromechanische Hammond-Orgel, die ursprünglich die Pfeifenorgel ersetzen sollte, ihren Weg von Jazz zu Gospel bis nun zum HipHop findet. Sanfte Melodien, die das Herz an die Hand nehmen und mit ihm tanzen – anstatt fette Bässe, die gegen die Brust schlagen. Strobel zieht eine Mundharmonika aus seinem Blaumann, dann eine Blockflöte. Er trommelt auf Absperrgittern und zückt die E-Gitarre. Doch trotz viel Schauspiels verliert die Musik dabei nicht an Qualität. Live und akustisch gefallen seine Lieder sogar besser als digital. Seine Anekdoten und Witze leiten die nächsten Lieder perfekt ein. So spielt er ein Best-Of seiner vier Alben: Von dem dreiteiligen Song „Mama, kannst du mich abholen“ zu dem „Trauerfeierlied“, „Musik ist keine Lösung“ und dem Trailerpark-Medley. Und zwei Songs, die erst auf dem fünften Teil seiner Mixtape-Reihe „Schlaftabletten, Rotwein“ am 14. September erscheinen sollen.

Dann ist es vorbei – doch keiner bleibt auf seinen Stühlen sitzen, viele tanzen und rappen den Refrain von „Willst du“ mit. Ein gelungenes HipHop-Konzert – mit einem Rapper, der kreativ ist. In Blaumann statt Baggy-Pant.

Foto: Laura Wolfert

Artikel auf badischezeitung.de und Kultur Print

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