fudder.de/BZ: Studierende jammern gerne über Hausarbeiten: zu viel zu lesen, zu wenig neue Erkenntnis. Fudder-Autorin Laura Wolfert, die im dritten Semester Politik und Philosophie studiert, sieht das anders.

Klausuren schreiben ist nervig. Es wird immer mehr erwartet als gesagt. Der Dozent stellt die Aufgabe: „Nenne die acht Demokratiekriterien nach Robert Dahl“. Doch was eigentlich erwartet wird, ist ein fünfseitiger Aufsatz, ob Deutschland in einer Demokratiekrise steckt oder nicht. Konnte das einer wissen? Nein – trotzdem durchgefallen.

Klausuren sind nicht geeignet, um Leistungen wiederzugeben. Meist geht es nur darum: Was will der Dozent bei dieser Aufgabenstellung von mir hören? Einfach mal die Schweiz erwähnen. Die findet er toll. Hinzu kommen Zeitdruck und der aktuelle Gemütszustand. Kopfweh: Pech.

„Das Interesse am Studium wird vom Prüfungsstress verdrängt.“

Bestehst du eine Prüfung, bekommst du ECTS-Punkte angerechnet. Ein ECTS- Punkt soll einen Arbeitsumfang von 30 Stunden umfassen. Bei einer großen Klausur von sechs ECTS-Punkten macht das 180 Arbeitsstunden, die in zwei Stunden Klausur abgefragt werden. Und das steht in keinem Verhältnis. Das Resultat: Die Studierenden lernen auf Lücke. Der Rest wird auswendig gelernt: nachts um halb drei in der Universitätsbibliothek mit Club Mate.

Doch in einem halben Jahr hat jeder die 300 auswendig gelernten Karteikarten vergessen. Lerneffekt gleich Null. Hauptsache, man kann sie zum gegebenen Zeitpunkt auf das Papier kritzeln und besteht die Klausur. Das Interesse am Studium wird vom Prüfungsstress verdrängt.

„Wer Hausarbeiten hasst und nicht schreiben kann, der sollte seinen Studiengang wechseln.“

Die Lösung: Hausarbeiten. Zugegeben: Sie sind nicht für jedes Studium geeignet. Doch ist das Ziel – besonders bei Geisteswissenschaften – später wissenschaftlich zu arbeiten. Das bedeutet: Texte verfassen. Wer Hausarbeiten hasst und nicht schreiben kann, der sollte seinen Studiengang wechseln. Es studiert auch keiner Mathe, der Zahlen nicht ausstehen kann.

Kritisiert wird, dass man sich bei Hausarbeiten nur mit einem konkreten Thema befasst. Doch kann man keine Hausarbeit über Hillary Clintons Wahlkampf schreiben, wenn man nicht ansatzweise versteht, wie die US-Politik funktioniert. Hausarbeiten intensivieren das Grundlagenwissen. Die fehlende Eigenleistung wird ebenfalls kritisiert. Meist seien es nur Zusammenfassungen von Fachzeitschriften. Doch dann ist die Hausarbeit einfach schlecht geschrieben.

Wieso nicht mal kreativ sein?

Und wer heult, zehn bis zwölf Seiten seien zu viel und zu neuen Erkenntnissen käme man sowieso nicht: Auf Tinder tippt ihr euch die Finger wund und neue Flirtsprüche fallen euch auch immer wieder ein. Wieso nicht bei der Hausarbeit kreativ sein? Bei interessanten Themen entstehen sicher neue Denkansätze. Hinzu kommt, dass man mit den Dozenten das Thema und den Aufbau der Hausarbeit besprechen kann.

Dann lesen sie die Hausarbeit sicher gerne – zumindest lieber als 120 Mal die Demokratiekriterien nach Robert Dahl.

Foto: Laura Wolfert / Instagram

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