fudder.de/BZ: Kann man auf einem Campingplatz studieren und leben? Der Student Pascal Topitsch hat fudder-Autorin Laura Wolfert gezeigt: Wohnwagen können Wohnheime ersetzen. Ein Besuch auf dem Hirzberg-Campingplatz.

Jedes Wintersemester tragen sich mehr als 5000 junge Menschen für ein Studium an den Freiburger Hochschulen ein. Viele von ihnen brauchen bezahlbaren und zentralen Wohnraum – die Suche danach kann dauern. Dutzende Studierende ziehen deshalb vorübergehend auf Campingplätze. Auch der Forstwissenschafts-Ersti Pascal Topitsch. Er lebt auf dem Campingplatz am Hirzberg.

Der Tau tropft von den Bäumen auf das Wellblech der Veranda. Über dem Bett des zwölf Quadratmeter kleinen Wohnwagens baumelt ein Traumfänger im Wind, der durch das Fenster der Küchenzeile weht. Vor der Tür sitzt Pascal Topitsch auf einem Campingstuhl und hat die Beine auf das Veranda-Geländer gelegt. Es riecht nach Moos, Gras und Erde. Eine Katze schleicht vorbei.

„Ich wollte nicht in ein Wohnheim oder einen Stadtteil ziehen, indem ich mich nicht wohlfühle.“
Pascal Topitsch

Auf einem kleinen Tisch liegt der Roman „Der Ruf der Wildnis“ von Jack London. Pascal trägt Bart und hat seine braunen, schulterlangen Haare zusammengeknotet. „Noch einen Kaffee?“, fragt er. Was sich anfühlt, wie Urlaub auf dem Campingplatz ist Pascal Topitschs Zuhause – zumindest bis er ein bezahlbares Zimmer in Freiburg gefunden hat, in dem er sich wohlfühlt.

„Ich wollte wieder glücklich werden – jetzt bin ich es“, sagt Pascal. 2012 macht er sein Abitur in einer Stadt in der Nähe von Frankfurt. Er arbeitet auf dem Bau und kickt für seinen Fußballverein SG Marköbel. Doch er will mehr von der Welt sehen. Er kauft sich ein One-Way-Ticket nach Kanada, entdeckt die Natur für sich und beschließt, Forstwissenschaften zu studieren. Auf Empfehlung einer Freundin zieht er Anfang Oktober nach Freiburg. Einziges Problem: Die Wohnungssuche. „Ich wollte nicht in ein Wohnheim oder einen Stadtteil ziehen, indem ich mich nicht wohlfühle“, sagt Pascal. Er stößt auf den Campingplatz am Hirzberg: Nah am Wald und zehn Minuten bis zur Stadtmitte. Seit zwei Wochen wohnt er hier im gemieteten Camper und skatet auf seinem Longboard zur Uni.

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Fließend Wasser nur bei den Sanitäranlagen

Pascal schlüpft aus seinen Flip-Flops und stellt sie neben die Gummistiefel. Er zieht den Kopf ein und steigt durch die Türe in den Wohnwagen. Zwischen seinen 1,90 Meter großem Körper und der Decke passt gerade noch eine flache Hand. Er gießt Wasser aus einem Vier-Liter-Kanister in die Kaffeemaschine nach. Fließend Wasser gibt es nur draußen an einer Wasserzapfsäule und bei den Sanitäranlagen. Der restliche Wohnwagen besteht aus einer Küchenzeile, einer Sitzecke, einer Heizung und einem Bett. Pascal kramt Zucker aus einer Schränke, schüttet einen Löffel in den frisch gebrühten Kaffee und bringt ihn nach draußen.

Dort schlendert Julien Röslen vorbei. Er ist Pächter des städtischen Campingplatzes und somit Pascals Vermieter. Er hat einen neuen Nachbarn dabei: Vanja. Er ist mit dem VW-Bus angereist und möchte übergangsweise in den Wohnwagen neben Pascal ziehen. „Ich habe erst vor zwei Wochen die Zusage für meinen Studienplatz bekommen“, sagt Vanja. „So schnell findet man in Freiburg keine Wohnung. Der Campingplatz ist für den Übergang schön und praktisch.“

„Häufig sage ich nein. Dann passt es nicht zu den Leuten, die bei uns Urlaub machen.“
Julien Röslen, Campingplatz-Betreiber

Auf dem Campingplatz am Hirzberg leben derzeit acht Studierende in ihren eigenen oder gemieteten Wohnwagen- und mobilen. In ganz Freiburg sind es knapp ein Dutzend, die übergangsweise auf Campingplätzen wohnen. Im Durchschnitt bleiben sie ein bis zwei Monate. Für einen gemieteten Wohnwagen zahlt man auf dem Hirzberg-Campingplatz je nach Größe und Ausstattung 350 bis 500 Euro im Monat. Mit inbegriffen sind Sanitär- und Waschräume sowie ein Aufenthaltsraum.

Pascal fühlt sich hier wohl. „Man hat alles, was man braucht und ich bin nah an der Natur“, sagt er. Wie lange er noch hier bleibt, ist unsicher – vielleicht bis Ende November. Spätestens bis März darf er bleiben, dann fängt die Camping-Hauptsaison an. „Wir sind als Notanker für die Studierenden da, die keine Wohnung finden – aber man kann hier nicht sesshaft werden „, sagt der 39-jährige Röslen.

 

Luxus-Wohnmobile und Rentner

Doch nicht jeder bekommt einen Platz. Wer auf dem Campingplatz wohnen möchte, muss sich zuerst bei Röslen vorstellen. „Häufig sage ich nein. Dann passt es nicht zu den Leuten, die bei uns Urlaub machen“, sagt der ehemalige Betreiber des Biosk Freiburg. Vorne auf dem Platz stehen Luxus-Wohnmobile. Sie gehören Rentnern, die ausgeschlafen in ihr Croissant beißen und ihre Zeitung aufschlagen. Schaut man durch eines der Fenster, sieht man, dass ihre Mobile mit Bar und Fernseher voll ausgestattet sind. „Da fehlt der Charme“, sagt Pascal. „Magie entsteht doch erst, wenn man die Komfortzone verlässt.“

Infobox: Erstis in Not

Knapp 50 Erstis leben nach Angaben des Studierendenwerks in Notunterkünften – für acht Euro pro Nacht. „Wir haben noch viele Betten frei – knapp über 100“, sagt Renate Heyberger. „Dazu haben wir noch eine Privatzimmervermittlung.“ Die Wohnungssituation in Freiburg wird für Studierende besser. „Das liegt daran, dass wir jedes Jahr neue Wohnheime mit knapp 200 Plätzen bauen.“ Diese sind aber bereits Anfang Oktober ausgebucht.

Foto: Laura Wolfert
Artikel auf fudder.de

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