fudder.de: Ein Dancehall-Trap-König, der die Herzen der Besucher mit wohligen Gefühlen füllt – und gleichzeitig Mörder-Stimmung macht: Trettmann war Samstagnacht in Freiburg und hat das ausverkaufte Crash abgerissen – nach deutlicher Verspätung.

Stimmung

Die Augen brennen durch den Qualm von Zigaretten und Joints. Rauchwolken schweifen im roten Licht der Scheinwerfer. Die Luft steht. Die Lunge kratzt. Ein bittersüßer Gras-Duft schweift an der Nase vorbei. Hinzu kommt der Geruch von hunderten Menschen, die seit über zwei Stunden eng aneinander stehen – tanzen, schubsen, kreischen und pöbeln. Man riecht den Schweiß, der ihnen den Nacken runter rinnt und das vorher aufgetragene Deodorant. Das Crash ist ein Bong-Zimmer. Und ganz vorne im Nebel steht ein Rapper mit verschränkten Armen, der mit erhobenem Kopf über das Geschehen blickt: Trettmann.

Sein Gesicht versteckt er hinter einer tief sitzenden Cap und einer verdunkelten, großen Brille. Das adidas-Shirt ist schwarz-weiß gemustert. Ein Handtuch liegt über seinen Schultern. Der Dancehall-Trap-König tänzelt sich durch das Rauch-Dickicht auf der Bühne, zwischen den dunklen Kellerwänden des Crashs. Die Crowd fuchtelt mit den Armen, nickt mit dem Kopf und wippt zur Seite. Trettmanns Stimme dröhnt schrill aus der Anlage. Laute Musik. Gekreische. Lärm. Doch trotz des Trubels und der stickigen Hitze schafft es Trettmann für eine gewisse Ruhe zu sorgen.

Schließt man die Augen und konzentriert sich auf seinen Text, dämmt sich der Lärm und die roten Scheinwerfer verblassen. Trettmann versetzt das Publikum in eines seiner Schwarz-Weiß-Musikvideos. Man befindet sich zwischen grauem Beton und spürt „die Seelenfänger, die umherschleichen“ – da, wo „Tretti“ herkommt.

Trettmann

Die Crowd

Bereits um 22 Uhr zu Einlassbeginn tummelt sich die Crowd in einer langen Schlange vor den Türen des Crashs. Sie picken in ihrer Dönerbox, nippen an Rotkäppchen-Sekt und Bier oder zünden sich eine Lunte an. „Ey, is heute 187 oder was geht hier ab?“, fragt einer von ihnen.

Vergangenes Jahr war die Straßenbande zu Besuch im Jazzhaus und der Andrang enorm – doch Trettmann toppt den 187-Hype. Bis zur Kreuzung der Faulerstraße stehen die Fans – überwiegend männlich und Mitte bis Ende Zwanzig. Manche von ihnen haben kleine Musikboxen dabei, tragen Bauchtaschen und die klassische Trettmann-Basecap. Nach etwa knapp einer Stunde hat sich die erste Hälfte der Schlange in das Crash gedrückt und den restlichen Sekt aus der Flasche geext.

Obwohl das Album „#DIY“ erst Ende September erschienen ist, grölt die Crowd alle Tracks mit. Kein Quadratmeter des Kellerraumes ist noch frei. Dennoch rennen die Besucher immer wieder aufeinander zu und takeln sich zur Seite: das ganze Konzert über gibt es immer wieder solche Moshpits. Ein Fan wird Huckepack genommen – landet nach wenigen Sekunden aber wieder auf dem Boden. Ein anderer streckt seine Krücken zur Decke und eine Mädchengruppe verteilt Glitzerstaub und pustet Seifenblasen, die in der rauchigen Luft verpuffen.

Support Check

Marc Berrai von „Release the Beats“ eröffnete den Abend mit einem Beatbox-Contest. Support Joey Bargeld wurde auf elf Uhr angekündigt, trat aber erst um kurz nach zwölf auf. Der Kitschkrieg-Künstler schreit ins Mike – und hört sich an, als hätten seine Stimmbänder mehrere Tage in Whiskey gebadet. Er trommelt auf seiner Brust, kniet sich, dreht sich, hüpft hoch und fuchtelt mit seinen Armen. Er spielt Tracks wie „Drogen“ oder „Bargeld“ – keine literarischen Meisterwerke, doch die Crowd rastet völlig aus und feiert den Mann mit dem Iro-Haarschnitt, der ein Shirt mit einem Loch an der Achselhöhle trägt.

Trettmann

Track Check

„Gib mir einen Song, den ich fühlen kann“, rappt Trettmann. Dem Publikum gibt er nicht nur einen Song: Man spürt ihn ein ganzes Konzert durch knapp 800 Menschen hindurch. Er sorgt gleichzeitig für eine aufgeheizte Stimmung, die an Rap-Battles aus Filmen wie „8 Mile“ erinnern – anderseits beruhigt er das Herz der Zuschauer und füllt es mit wohligen Gefühlen. Trettmann spielt die Songs seines „#DIY“-Albums und weitere Tracks aus seinen Kitschrkieg-EPs.

Fail

Das Konzert ist ausverkauft, hunderte Fans stehen Schlange: es dauert über eine Stunde bis man tatsächlich im Crash ist, andere warten noch länger. Eine Absperrung oder ein, zwei Türsteher mehr hätten vielleicht eher für Ordnung und einen schnelleren Ablauf gesorgt. Trettmann kommt leider erst um 01.15 Uhr auf die Bühne – war aber über eineinhalb Stunden früher angesagt. Ab und zu gibt es Probleme mit der Technik. Joey Bargeld wie auch Trettmann brechen Songs ab und bitten darum, die Monitore leiser zu stellen.

Trettmann

Pauschalurteil

Der Sound und der Ablauf hätten durchaus etwas besser sein können. Doch Trettmann überzeugt – und auch Joey Bargeld. Beide reisen das Crash ab. Trotz kleiner Ärgernisse: Eine Karte kostete gerade mal 20 Euro – das ist für einen Abend mit einem hochkarätigen Künstler unschlagbar.

Fotos: Laura Wolfert
Artikel auf fudder.de

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