fudder.de: Philipp Haarburger ist Ex-Weltmeister im Kickboxen und jetziger Mixed-Martial-Arts-Profikämpfer – eine gemischte Kampf-Sportart, die häufig als zu brutal eingestuft wird. Was steckt hinter dem harten Sixpack des 22-Jährigen?

Grelle, weiße Neonlampen leuchten im dunklen Trainingsraum der Kampfschule Fight Bros. Box-Säcke hängen von der Decke. Matten sind an der Wand und am Boden befestigt. Eminems „Till I Collapse“ wummert aus den Boxen. Man hört 18 Sportler keuschen und schnaufen. Ein bissiger Geruch schweift an der Nase vorbei. Verschwitze Handtücher hängen über einem Gitter, das den Trainingsbereich abgrenzt. Dahinter liegt Riesenschnauzer Ignaz, der seinen Hunde-Knochen frisst.

Ignaz beobachtet, wie vor ihm das Gesicht eines jungen Mannes auf die Bodenmatte gedrückt wird. Der Kopf des Kämpfers läuft rot an. Er beißt die Zähne zusammen, holt Luft und dreht sich schnell nach oben. Plötzlich ist er es, der das Duell dominiert. Sein Gegner klopft zwei Mal schnell mit der Handfläche auf den Boden: Kampfende. Der junge Mann, der den Fight bei einem richtigen Wettkampf gewonnen hätte, heißt Philipp Haarburger: Ein 22-jähriger Ex-Kickbox-Weltmeister und jetziger MMA-Profi – der auch mal Mozart hört und seinen Gegnern Blumen schenkt.

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Vom kleinen Jungen zur Kampfmaschine

„Das Kräftemessen und Kämpfen hat mich schon immer fasziniert“, sagt Philipp. Seine ältere Schwester und sein älterer Bruder lernen als kleine Kinder Taekwondo. „Mir war das aber zu traditionell. Zu wenig Praxis“. 2007 zieht Philipp mit seiner Familie von Nordrhein-Westfalen nach Freiburg. Auf dem Weg ins Billardcenter „Shooters“ entdeckt er den Fight-Club und fängt mit 13 Jahren das Kickboxen an – damals noch als schmächtiger, kleiner Junge. Er trainiert vier Stunden täglich, drei Mal die Woche. „Mein erstes Turnier habe ich in der Gewichtsklasse bis 45 Kilo gekämpft“, sagt er und lacht. Seine tiefe, raue Stimme brummt.

Mittlerweile hat er sich mehrfach den Weltmeistertitel im Kickboxen der World Kickboxing and Karate Union (WKU) in verschiedene Gewichtsklassen geholt und war von 2012 bis 2015 Mitglied des deutschen Nationalteams der WKU und WKA (Association). Nach sieben Jahren Kickboxen im Fightclub ist er zu den Fight-Bros und MMA gewechselt. Er wiegt derzeit knapp 78 Kilo. Sein Kampfgewicht liegt bei 70. Dabei wirkt er durch sein Sixpack und die kräftigen Oberarme, die sich durch sein verschwitztes Langarmshirt abzeichnen, viel schwerer.

Aber bei MMA kommt es nicht nur darauf an, mit wie viel Wucht man seinem Gegenüber in das Gesicht schlagen kann. MMA bedeutet Mixed Martial Arts und ist eine gemischte Kampfkunst aus Schlag- und Tritt- sowie Bodenkampf- und Ringtechniken. „MMA ist entstanden, weil man wissen wollte, welcher Kampfsportler der Beste ist. Deshalb hat man alle gegeneinander antreten lassen“, sagt Philipp. „Zu den Anfängen von MMA hat der brasilianische Jiu-Jitsu-Kämpfer Royce Graci alle seine Gegner verknotet und so fertig gemacht. Dabei hat er nur 77 Kilo gewogen, aber alle Boxer dominiert“.

So ähnlich wie bei Philipp. Nach fünf Minuten läutet eine Klingel: Trainingspartner-Wechsel. Vor ihm steht Daniel Mattuscheck auf der Matte. Der bekannte Freiburger Türsteher wirkt mit seinem 1,80 Meter großen, durchtrainierten Körper etwas beängstigend. Seine braungebrannte Haut ist übersät mit Tattoos: Totenköpfe und Flammen zieren seine kräftigen Oberarme. Vor ihm: Philipp, der gegen ihn auf einmal viel schmächtiger wirkt. Die zwei Männer packen sich gegenseitig am Nacken und pressen ihre Schädel gegeneinander. Schweiß rinnt ihnen die Stirn runter. Mattuscheck quetscht Philipps Kopf zwischen seine Arme und drückt zu. Er läuft knallrot an, seine Adern zeichnen sich auf seiner Schläfe ab. Doch Philipp greift das Bein seines Gegners. Beide knallen auf die Matte. Durch die richtige Technik hält sich der 22-Jährige im Spiel. Mit bloßen Box-Schlägen hätte er wahrscheinlich keine Chance gehabt.

Vorbildlich statt brutal

Den Kopf auf den Boden pressen, die Schulter auskugeln, oder Kämpfe, die im Käfig stattfinden: Da man bei MMA fast alles machen darf, ist der Sport zwar ehrlich – aber auch sehr hart. Die Bayrische Landeszentrale für Neue Medien reicht sogar eine Klage gegen die Ausstrahlung des Kampfsports ein. Die Begründung: Schlechter Einfluss auf Jugendliche und gewaltverherrlichend. „Dabei gibt es bei MMA viele Akademiker“, sagt Philipp.

Man kann ihm, mit dem Lächeln im Gesicht und seiner ruhigen Tonlage, kaum zutrauen, dass er seine Gegner K.O. schlagen kann. Ein schlechtes Vorbild ist er als MMA-Profi jedenfalls nicht. Er macht 2013 auf dem Angell sein Abitur und studiert Volkswirtschaftslehre an der Freiburger Universität. Neben Wettkämpfen und Klausuren bringt Philipp außerdem sein eigenes Label „Primus“ für Sport- und Straßenklamotten auf den Markt.

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Geprügelt hat er sich nie. Selbst nicht, als er als Türsteher im ehemaligen Schmitz-Katze, Marias oder Hackl’s Zapfbar gearbeitet hat. Auch Alkohol trinkt er nicht mehr. „Ich hatte mit etwa 16 Jahren eine Phase, in der ich weniger trainiert und meine Grenzen ausgetestet habe“, sagt der Freiburger „Das war eine Zeitverschwendung. Ich brauch das nicht.“

MMA-Vorbereitung mit Mozart

Auch wer vermutet, dass alle MMA-Kämpfer nur Deutschrap hören, liegt falsch. „Von Mozart bis Slipknot höre ich fast alles“, sagt Philipp. Jeden Morgen steht er um halb Sechs auf und geht spazieren, macht Atemübungen und hört Hörbücher statt Haftbefehl. Mentaltraining sei wichtig für die Wettkampfvorbereitung. „Das ist alles eine Kopfsache“, sagt er. So hat Philipp sogar mal vor einem Wettkampf seinem Gegner zur Verwirrung einen Strauß Blumen überreicht. „Du darfst keine Angst haben. Du kämpfst schließlich nur gegen dich selbst. Dein Gegenüber hat auch nur zwei Arme und zwei Beine“.

So auch sein Trainingspartner Mattuscheck. Die zwei Sportler schlagen nach ihrem Kampf ein und klopfen sich auf die Schulter. Mattuschecks grimmige Miene verzieht sich zu einem Lächeln. „Der Philipp ist ein Lieber“, sagt er. „Sehr auf dem Boden geblieben“. Philipp selbst beschreibt sich sogar als „unscheinbar“ und sagt, dass er trotz Weltmeister-Titel sich nicht von anderen unterscheidet, keinen Sonderstatus genießt.

Freunde, Familie – und die K.O-Maschine

Die Anerkennung und der Zusammenhalt seines Fight-Bros-Teams, Freundin und Familie sind ihm aber wichtig. „Man sieht mich zwar alleine im Ring, aber ohne meine Trainer Bert Teuchert, Gregor Herb und meine Trainingspartner funktioniert das nicht „, sagt er. „Wenn mir meine Familie zuschaut, gibt mir das zusätzlich Kraft. Hingegen sitze ich mit einem Lächeln in der ersten Reihe, wenn meine Freundin einen Tanzauftritt hat“. Zu seinen engen Freunden zählt auch K1-Weltmeister Michael Smolik, der auch als „K.O-Maschine“ bekannt ist und seine Gegner innerhalb von Sekunden außer Gefecht setzt.

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Seine Schwester Steffi schlendert aus dem Fitnessraum von nebenan und beobachtet ihren kleinen Bruder. Auch sie trainiert bei den Fight-Bros und nimmt an Wettkämpfen teil. Philipp grinst, als er sie sieht. „Wir halten zusammen wie Pech und Schwefel“, sagt er. „Ich bin sehr stolz auf meine Geschwister“.

Das Training ist vorbei. Riesenschnauzer Ignaz hat seinen Knochen kaum angeknabbert und wedelt mit dem Schwanz. Philipp streichelt ihm über das Fell. Sein Shirt ist platschnass. Er zieht sich um und macht sich auf den Heimweg. „Später gehe ich im Kopf noch mal mein Training durch. Jetzt kommt aber erst mal meine Mama. Wir kochen“, sagt er.

INFO:

Was: Cage Bros 4 – Fightnight mit 20 Kämpfen, davon 8 Profikämpfe

Wann: Sa, 28.10.2017, Einlass ab 17 Uhr

Wo: Staudingerstr.10, 79115 Freiburg

Info: bjj-freiburg.de

Foto: Laura Wolfert
Artikel auf fudder.de

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