fudder.de: Am Samstagnachmittag ist in ein paar Städten Südbadens für wenige Stunden der Strom ausgefallen – auch in Heitersheim. fudder-Autorin Laura Wolfert erzählt, wie sie die Stunden ohne Strom überstanden hat..

Samstagnachmittag, 16:02 Uhr: Die Luft steht in meiner Dachgeschosswohnung, es hat 28 Grad. Selbst den Nachbarskindern Laura und Luis ist es zu heißt, um draußen mit ihren „Spinnern“ zu spielen. Man hört lediglich den Traktor von Familie Müller durch die Straßen von Heitersheim tuckern. Was macht man in einem Dorf, in dem nichts geht? Die Instagram-Storys von Influencern anschauen, die sich gerade am Strand von Nizza sonnen – und neidisch sein. Doch Instagram lädt nicht. „Letztes Statusupdate vor 12 Minuten“. Wie kann das sein?

16:04 Uhr: Ich schalte das WLAN aus. Ich warte. Ich schalte es wieder an. Nichts. Instagram ist tot. Ich schalte meine mobilen Daten ein. Nichts passiert. Nicht nur das Internet, selbst mein Ventilator hat mich im Stich gelassen – und das Licht funktioniert auch nicht mehr. Doch im Stromkasten scheint alles in Ordnung. Ich schlüpfe in meine Latschen, um beim Nachbar nachzufragen.

16:10 Uhr: Kaum bin ich mit beiden Füßen in die Flip-Flops geschlüpft, klingelt es an der Türe. Der Nachbar war schneller. In karierter Schlafanzugshose und einem Shirt, das er mal bei einem Marathon gewonnen haben muss, steht er vor mir. „Isch bei euch au kein Strom?“, fragt er. Kein Strom. Er hat das gleiche Instagram-Problem wie ich.

16:15 Uhr: Gemeinsam laufen wir die Treppe unseres Mehrfamilienhauses runter auf die Straße. Die Einwohner haben sich versammelt. Ganz Heitersheim steht vor den Türen. „Wisst ihr woran des liegt? Bei uns geht au nix“, sagen sie. Die eine Nachbarin hatte gerade einen Kuchen in den Ofen geschoben. Doch der ist jetzt eingegangen, weil der Strom ausgefallen ist. „Isch was mit Fessenheim?“, fragt der Nachbar, der immer an seinem Fenster hockt. „Haben Sie mal gegoogelt, ob nur Heitersheim betroffen ist?“, fragt ein anderer. Es herrscht Panik. Was ist passiert? Wer hat den Strom ausgeschaltet? Und wie macht die Nachbarin noch einen Kuchen bis morgen früh?

16:25 Uhr: Nur einer ist glücklich: Der Rentner. Endlich ist wieder etwas los im Dorf. Endlich sieht er alle Einwohner wieder und kann sich unterhalten. Abwechslung! Und die Schneiders können Dank Stromausfall ihre Anlage nicht mehr aufdrehen. „Böhse Onkelz“-Mukke bleibt ihm heute erspart.

16:30 Uhr: Auch Familie Hauk spickt mit dem Kopf vorsichtig aus der Türe hervor. Sind die nicht vor drei Monaten ausgezogen? „Grüß Gott, sie gibt es ja auch noch“, brüllen die Müllers rüber.

16:43 Uhr: Zu viel Kontakt mit den Nachbarn auf einmal. Nachdem ich vier Mal gefragt worden bin, wie das Studium läuft, ob mein kleiner Hund noch lebt und ich einen Freund habe, schlendre ich zurück in die heiße Wohnung. Doch was tun? Ohne Handy. Ohne Fernseher. Meine Mutter und ich sitzen auf der Coach und schauen uns an. Wir müssen uns unterhalten. „Brettspiel?“, fragt sie – und lacht.

17:11 Uhr: Stille. Die Unterhaltung ist zu Ende. Man hat gelacht. Doch jetzt wird es ernst. Ein kurzer Stromausfall mag ja witzig sein – aber irgendwann ist der Spaß vorbei: Meine Mutter fragt, wann ich anfange, für meine Klausuren zu lernen. Vorsichtig drücke ich auf den Lichtschalter – und hoffe auf ein Wunder. Doch nichts. Ich drücke wieder. Enttäuschung. Selbst unsere Musikanlage läuft nur über das WLAN. Weiterhin Stille. Man starrt sich an. Dabei wollte man zusammen Game of Thrones weiterschauen. Was passiert am Ende der Staffel Fünf?

17:35 Uhr: Das Fleisch! Eigentlich wollten wir am Abend Burger machen, doch irgendwann wird das Hackfleisch im nicht mehr funktionierenden Kühlschrank schlecht. Die Laune sinkt. „Dann braten wir das Fleisch schon mal vor“, schlage ich vor – und merke, was ich gerade Dummes gesagt habe.

17:36 Uhr: Die Laune steigt – denn man muss das Eis aus der Kühltruhe leer essen.

17:57 Uhr: Der Bauch platzt. Zwei „Ten for Two“-Eispackungen für sich alleine sind dann doch zu viel. Doch was soll man anderes machen, außer essen? Und über die Situation twittern kann man auch nicht. Für die Uni Texte lesen? Soweit kommt es noch.

18:12 Uhr: Es wird diskutiert, wann man das Burger-Projekt für heute Abend abbricht. Ich sage erst um 20 Uhr, meine Mutter möchte aber schon um 19 Uhr etwas essen. Doch was? Ohne Herd, Ofen, Toaster, Mikrowelle? In der Kneipe eine Pommes essen gehen? Die haben auch keinen Strom. Pizzeria? Die haben keinen richtigen Steinofen. Wir sitzen fest – in unserer Dachgeschosswohnung. Ohne Ventilator. Ohne Essen. Ohne Strom. Und vor allem: Ohne Sky und Netflix.

18:34 Uhr: Es ist soweit. Bevor ich weiterhin mit meiner Mutter diskutiere, wann wir dann doch etwas anderes essen, wage ich mich freiwillig an die Uni-Texte.

18:43 Uhr:
Der Nachbar aus dem ersten Stock brüllt nach oben: „Der Strom ist ausgefallen, gell?“ Tatsächlich. Haben wir bereits gemerkt.

18:45 Uhr: Endlich funktionieren die mobilen Daten wieder – zumindest für einen kurzen Augenblick, um meinen Freunden meine missliche Lage zu schildern.

18:53 Uhr: Keine mobilen Daten mehr. Meine Freunde bemerken, dass ihre WhatsApp-Nachricht nicht zu mir durchkommt. Nach einer Ewigkeit bekomme ich tatsächlich mal wieder eine SMS zugeschickt. Nostalgie.

18:55 Uhr: Der Akku blinkt auf: Nur noch zehn Prozent. An den Strom stecken? Ich suche mein Ladekabel. Dumm.

18:59 Uhr: Ich konnte mich mit meiner Mutter darauf einigen, einen Einweggrill für das Fleisch zu besorgen. Doch dann: Hoffnung! Ein badenova-Auto fährt die Straße entlang. „Drück auf den Lichtschalter!“, ruft meine Mutter vom Balkon. Ich drücke. Nichts. Ich drücke wieder. Aggression. „Geh endlich an!“, sage ich und blicke mürrisch unsere Küchenlampe an – als könnte sie mich hören.

19:24 Uhr: Plötzlich hört man wieder Stimmen auf der Straße. Dann ertönt Böhse Onkelz-Musik. Der Klang von Hoffnung! Gefühlvoll drücke ich auf den Lichtschalter, habe die Augen zu und öffne sie langsam. Licht! Wir haben Licht! „Licht!“, brüllt auch meine Mutter vom Balkon.

19:26 Uhr: Die Sonos-Anlage wird laut aufgedreht. Das Fleisch wird aus dem Kühlschrank geholt und vorbereitet. Der Grill wird angeschlossen. Wir sind wieder glücklich.

19:28 Uhr: Eine schnelle WhatsApp-Nachricht an die Freunde: „Ich lebe wieder!“

20:22 Uhr: Der Rentner ist wieder von der Böhse-Onkelz-Musik genervt, die Einwohner haben sich wieder in ihre Wohnungen zurückgezogen, die Nachbarin backt einen neuen Kuchen, der noch zwei Häuser weiter duftet. Heitersheim ist zurück – und hat für die nächsten Tage ein Gesprächsthema.

20:33 Uhr: Der Nachbar aus dem ersten Stück hat es auch bemerkt brüllt nach oben: „Der Strom geht wieder!“.

Foto: Laura Wolfert

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