fudder.de/BZ: Wir machen mit unseren Smartphones tausende Fotos – doch Dank ihnen dominiert in sozialen Medien die Selbstinszenierung. Ziemlich langweilig, findet Fudder-Autorin Laura Wolfert – und macht jetzt mehr Sofortbilder.

Ich scrolle durch meine Instagram-Timeline: Knuffige kleine Hunde, bunte Smoothiebowls und Fitness-Trendsetter, die am Strand ihre Popos in teuren Leggings präsentieren und kein bisschen schwitzen. Das Essen ist perfekt angerichtet, der Highlighter schimmert, die Bauchmuskeln sind angespannt.

Meine Fotos sind gar nicht anders. Ich habe in den letzten zwei Jahren 482 Bilder auf Instagram hochgeladen. Keins der Bilder ist, wenn ich ganz ehrlich bin, ein echter Schnappschuss: Diese Bilder sollen zeigen, wie gut es mir geht.

Inszenzierung ist schön – aber öde

Damit bin ich sicher nicht alleine. Für das lockere Selfie in der UB wartet man erst einmal zehn Minuten, bis der Vitra-Stuhl im vierten Stock vor der Glasscheibe mit dem wunderschönen Ausblick frei wird. Dann dreht man sich fünf Mal hin und her, bis das Sonnenlicht das Gesicht perfekt beleuchtet. Noch drei Dutzend Versuche, bis das Lächeln perfekt ist und die Augen nicht aus Versehen zugekniffen sind. Oh, und die Ecke des Lehrbuchs muss auch noch im Schoß zu sehen sein!

Kein Instagram-Foto zeigt, wie das echte Leben ist: Dass es in der UB eigentlich viel zu laut ist, hinter dem Lachen viel Lernstress steckt, nach der Smoothiebowl zum Frühstück zum Lunch ein Burger gegessen wurde und dass der kleine, knuffige Hund nur Männchen macht, weil man ihm ein Leckerchen hinhält.

Ich bin zu jung, um nostalgisch zu sein

Ich habe zu meinem 21. Geburtstag eine Sofortbildkamera geschenkt bekommen. Ich bin zu jung, um Sofortbildkameras gegenüber nostalgisch zu sein. Eigentlich waren sie ausgestorben, doch jetzt hat auch mich die Faszination gepackt, einen Moment sofort auf ein Bild zu bannen. Einen Moment, der nicht mehr durch Filter oder Zuschnitte verändert werden kann.

Mit fast einem Euro pro Foto sind Sofortbilder ein ganz schön teurer Spaß. Das führt dazu, dass man eben nur ein Foto macht – keine drei Dutzend, bis eins sitzt. Ohnehin sitzen Sofortbilder nie so richtig – und trotzdem sind sie perfekt. Dank Sofortbildkameras ist es wieder etwas Besonders, wenn man ein Foto macht. Alle freuen sich, wenn sich das Bild nach und und nach entwickelt.

Unperfekt und ganz perfekt

Auf einem meiner ersten Fotos, gemacht an meinem Geburtstag, sieht man meine Freunde, wie sie spätabends in einer Bar an ihren zweiten Gin-Gin-Mules nippen. Wir sind alle ein bisschen zerknautscht, es war schon spät. Eine lächelt ein bisschen schief, einer hat die Augen zu. Aber das Bild hat den Moment eingefangen, es ist real und ungekünstelt und enthält viel mehr Gefühl, als wenn wir mehrfach posiert hätten, bis alle zufrieden gewesen wären. Und das Bild habe ich für immer.

In ein paar Jahren wird es mir vielleicht beim Kramen in einer Schublade in die Hände fallen – und dann werde ich darüber lachen – was für Klamotten wir tragen und wie die Haare sitzen. Und mich freuen, so tolle Freunde zu haben und ein Foto, das uns zeigt, wie wir wirklich sind.

Foto: Felix Klingel

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